30. November 2016

MacBook Pro mit Touch Bar und Touch ID (Mid 2017)

Nach einer Woche Katzenhüten bei meinen Eltern in Belgien, kann ich ein erstes Fazit zum brandneuen MacBook Pro mit Touch Bar und Touch ID der zweiten Generation ziehen. Und ich muss sagen, ich bin froh mir die erste Generation verkniffen zu haben. Glücklicherweise verging kein ganzes Jahr bis zum zweiten Wurf – wahrscheinlich wollte Apple allen professionellen Zweiflern mit der Runderneuerung der kompletten Pro-Mac-Range zur WWDC 2017 ein Zeichen senden.

Doch alles der Reihe nach – das ist meine bestellte Konfiguration:

Eigentlich bin ich ein strikter Understatement-Verfechter und erwerbe Apple Hardware in Silber oder Weiß. Beim MacBook Pro in Jet Black habe ich mich ausnahmsweise auf die dunkle Seite der Macht geschlagen. Auch angenehm: Das MacBook Pro in Jet Black sieht dank der verbesserten fettabweisenden Oberfläche nicht sofort wie eine Wurststulle aus oder ein iPhone 7 in Jet Black im Apple Retail Store.

Da das Review-Embargo zum MacBook Pro mit Touch Bar und Touch ID der zweiten Generation schon vor mehr als einer Woche fiel und das Netz vor Lobpreisungen nur so überquillt, möchte ich mich auf die folgenden acht für mich relevanten Themen konzentrieren:

Touch Bar mit Force Touch und Taptic Engine

War der Touch Bar der ersten Generation noch ein zwar bunter aber lebloser Fisch, so ist der neue Touch Bar mit eingebauter Taptic Engine viel eher eine Taste (bzw. mehrere Tasten). Hauptkritikpunkt war ja, dass man mit dem Auge förmlich am Touch Bar kleben musste, um zu wissen wo der Patschefinger landen sollte (und wann das passiert ist). Nun hilft das taptische Feedback und verkürzt die sensorische Aufmerksamkeit, die man dem Touch Bar bis zur Auslösung widmen muss. Und auch beim Swipen über die Lautstärke- und Helligkeitsregelung gibt es ein angenehmes, fast mechanisches Feedback. Das Durchscrollen der Favicon-Buttons in Safari (die nur in Retina erträglich sind und deutlich besser als die horizontalen Thumbnails von vorher aussehen) lässt sich ebenfalls ohne Hingucken bewerkstelligen: jeder Favicon-Button ist deutlich spürbar und der erste und letzte vibrieren leicht, um das Ende der Button-Reihe anzudeuten. Die Thumbnail-Reihe in Photos liefert ein ähnlich sensorisches Erlebnis. Lediglich Force Touch ist etwas ungewohnt, da es wie bei einer normalen Tastatur kein Äquivalent gibt – wer drückt schon eine mechanische Taste über den Anschlag hinaus durch? Wahrscheinlich werden hier aber eher die Gewohnheiten der Generation „Glastipper“ adressiert.

Escape-Taste wo sie sein soll

Wer mit der virtuellen Escape-Taste der ersten Generation auf Kriegsfuß stand und sich diese Taste zur Linderung temporär auf die Caps-Lock-Taste gelegt hat, darf nun wieder umlernen. Da das Display und der sensible Bereich im Touch Bar bis zum äußersten linken Rand gehen (warum siehe eins weiter unten), kann man sich seines ursprünglichen Muskelgedächtnisses bedienen und wieder lustvoll Escapen. Apropos Display: bei der ersten Generation schimmerte für meinen Geschmack die Display-Fläche in den inaktiven Bereichen noch zu stark durch. Hier, in der zweiten Generation, liegt das OLED-Display viel näher an der Oberfläche und wie schon beim iPhone-Display wirkt die Oberfläche des Touch Bar wie farbig bedruckt.

Touch ID in Touch Bar integriert

Bei der ersten Implementierung von Touch ID in einem Mac setzte sich der Symmetrie-versessene Jony Ive mit der skurril verschobenen Escape-Taste auf der linken und dem separaten Touch ID-Sensor auf der rechten Seite durch. Da Touch ID nun komplett und “seamless” in die Glasfläche des Touch Bar integriert ist (und alle Welt darin einen Vorboten für das All-Display-iPhone 8 mit integriertem Touch ID-Sensor sehen), bleibt die Symmetrie gewahrt, die Escape-Taste wohl positioniert und der doppelt-schnelle Touch ID fugenlos integriert. Leider geht das Display nicht bis unter den Touch ID Sensor – so ein bläuliches Abscan-Licht beim Fingerauflegen wäre schon cool. Aber so lange dauert das Erkennen des Fingerabdrucks ja eh nur im Film.

Batterielaufzeit hält ihr Versprechen

Die unüblich kurzen Batterielaufzeiten beim MacBook Pro der ersten Generation waren für ein mobiles „Pro“-Device das größte Ärgernis. Bis dahin wurden in der Regel die Angaben von Apple zur Batterielaufzeit im realen Leben übertroffen. Bei der ersten Generation gab es Horrormeldungen von einer Halbierung – jetzt pendelt sich alles wieder im und jenseits des 10-Stunden-Fensters ein. Zwar betreibe ich mein MacBook Pro meist an der Stromtankstelle. Aber die paar Mal, wo die belgische Sonne einen Einsatz des MacBook Pro auf der Terrasse zugelassen hatte, war die Batterieanzeige kein ablaufender Detonations-Timer.

SDXC-Karten­steckplatz – Hello old friend

Wer als Profi nicht bereits den Glauben bei der halbierten Batterielaufzeit verloren hatte, wurde spätestens beim fehlenden SDXC-Karten­steckplatz zum Atheisten. Glücklicherweise hat Apple die zigtausendfachen Schreie erhört und einen schnell angebundenen SDXC-Karten­steckplatz wieder ins Gehäuse integriert. Vielleicht hat Apple aber auch bei den diversen Kameraherstellern angeklopft und deren Drahtlospläne abgefragt. Die sind nämlich immer noch sehr ernüchternd und wenn es sie überhaupt welche gibt, muss man sich als User mit den schlimmsten Apps aus einem Pre-Windows-95-Paralleluniversum unter macOS herumschlagen. Ich glaube viele Fotografen und Filmer zünden täglich ein Kerzchen an, seitdem bekannt wurde, dass das MacBook Pro der zweiten Generation sich wieder mit SD-Karten vereinigen kann.

Lightning- statt Kopfhöreranschluss

Mit der Hinzunahme eines Lightning-Ports gesellt sich der zweite Legacy-Rückkehrer, neben dem SDXC-Karten­steckplatz, ins MacBook Pro. Da es den 3,5 mm Kopfhöreranschluss ja immer noch gibt, sind es streng genommen sogar drei. Aber der Kopfhöreranschluss hat noch eine zweite Funktion: Er dient nämlich als Abstandhalter, da sonst die beiden sehr ähnlichen USB-C- und Lightning-Ports zu nahe beieinander liegen und sich stetig um den falschen Stecker streiten würden. Dafür ist der Kopfhöreranschluss von oben rechts auf Mitte links gewandert – quasi gegenüber vom SDXC-Karten­steckplatz auf der rechten Seite. Wie lange der Kopfhöreranschluss noch ein Bleiberecht im MacBook Pro hat, muss man sehen. Der Übergang bei den Audio-Accessories von Klinke auf Lightning scheint trotz Wireless-Hype rasend schnell zu sein.

Keine Fake-Lautsprecher-Löcher mehr

Ich weiß da kräht kein Hahn nach, wenn die Lala aus dem Lüftungsschlitz statt aus dem Lautsprechergrill kommt. Aber dank des neuen Logic-Boards kann Apple nun die Lautsprecher wieder dahin machen, wo auch die Löchleins sind. Das ist für mich deutlich ehrlicher und klingt auch besser. Zwar funktionierte die Geräuschtäuschung bei der ersten Generation ganz gut, nun brüllen mir die Lautsprecher aber wieder direkt ins Gesicht – das mag ich als alter Clubber sehr gern.

Doppeltes Lottchen: Dual USB‑C Power Adapter

Leider sind dem Power Adapter die Kabelflügelchen nicht wieder nachgewachsen. Redbull hat hier wohl nicht gewirkt. Dafür hat es zu einem zweiten USB-C-Ladeport gereicht. Damit kann dann ein iPhone oder iPad mit voller Kraft parallel geladen werden und (tadahhh) spannenderweise scheint das Netzteil auch USB-Hub-Fähigkeiten zu haben. So kann ich trotz Umweg über den Power Adaptor mein geliebtes, verschlüsseltes und drahtgebundenes iTunes-Backup von meinen iOS Devices machen. Tschüss NSA.

Der späte Vogel fängt den besseren Wurm

Klar fiel es mir echt schwer beim MacBook Pro mit Touch Bar und Touch ID der ersten Generation standhaft zu bleiben und nicht den Kaufen-Button zu drücken. Um ehrlich zu sein, ich habe sogar eine bereits getätigte Bestellung der ersten Minuten storniert. Es war nicht abzusehen, dass sich Apple seit dem Erscheinen und bis zur WWDC 2017 die Kritik so zu Herzen nimmt und quasi das Wunsch- / Traum-MacBook Pro aller Pros baut. Sogar die Wünsche nach 32 GB Hauptspeicher wurden erhört bzw. dank Intels neuem Chipsatz ermöglicht. Ich brauche sie nicht, aber alle die gejammert haben, können nun ihre große Brieftasche zücken und sich 32 GB Luxus gönnen. Es bleibt nur zu hoffen, dass Apple nicht wieder in einen Update-Hiatus verfällt und fortan mit schöner Regelmäßigkeit die neuesten Intel- und ARM-Ergüsse verbaut. Man wird ja noch träumen dürfen.