19. Oktober 2016

Liebling, ich habe das Apple Car geschrumpft

Laut Mark Gurman und Alex Webb von Bloomberg Technology hat Apple sein Autoprojekt Titan ordentlich geschrumpft: Arbeiteten vorher mehr als 1.000 Menschen an dem Projekt, so wurden nach der Übernahme der Projektleitung durch den Unruheständler Bob Mansfield mehrere hundert Jobs aus dem Bereich der tatsächlichen Fahrzeugentwicklung gestrichen. Die neue Ausrichtung der verbleibenden Truppe ist, bis Ende 2017 zu evaluieren, ob Apple eine „autonome Plattform“ bis zur Marktreife entwickeln soll.

Diese Entwicklung hat meinen Blog-Post-Draft zunichte gemacht, in dem ich die 10 Dinge untersuchen wollte, die Apple und nur Apple zu einem Autoprojekt beisteuern kann. Diese 10 Dinge waren:

Bevor ich mich damit beschäftige, welche dieser USPs bei einer „autonomen Plattform“ überhaupt überleben können und was Apple dann noch dazu beisteuern kann, sei hier noch mal beschrieben, wie wir uns autonomes Fahren in der Zukunft vorstellen müssen.

Autofahren wird totlangweilig

Heute ist Autofahren, zur Arbeit, in den Urlaub oder zum Einkaufen super aufregend: Zuerst müssen die Koffer und die ganze Bagage erst einmal ins Auto verfrachtet werden: Wo bleiben bloß alle? Sind alle Koffer da? Warum brauchen wir so viele Koffer für ein verlängertes Wochenende? Kann ich das noch an deine Füße stellen? Dann geht es los: Wie kommen wir überhaupt ans Ziel? War da nicht was mit Baustellen, Berufsverkehr und Ferienbeginn? Wo kann ich Pipi machen ohne ansteckende Krankheiten zu bekommen? Warum gibt es keine Raststätte mit einem Kaffee, der nicht nach Altöl schmeckt? Unterwegs geht es munter weiter: Warum schleicht der vor mir auf der linken Spur so? Warum drängelt der BWM hinter mir so? Der Arsch hat nicht geblinkt. Immer diese LKW-Fahrer. Und auch am Ziel bleibt es aufregend: Wo kann ich bloß parken? Wo wird mein Auto nicht ausgeraubt? Mist, wir haben kein Benzin mehr – wo kann ich tanken?

Fast all diese Aufregung bleibt einem und der ganzen Familie mit einem autonom fahrenden Auto erspart. Stattdessen wird sich gähnende, ätzende, in die Scheidung treibende und zur Adoption freigebende Langeweile breit machen. Und was macht man so auf der Fahrt zum Job, nach Spanien oder zu Aldi im Auto? Das was wir auch Zuhause machen! Wir kleben vor unseren iPhones, iPads und Macs. Wir arbeiten, spielen oder unterhalten uns mit Musik und Videos. Und das werden wir nicht auf einem Smartphone von BMW, einem Tablet von Mercedes oder einem PC von Audi machen. Unsere Videos bekommen wir nicht von VW. Unsere Dateien liegen nicht bei Chrysler in deren Cloud. Unser Benzin bezahlen wir nicht mit einer Smartwatch von Renault. Nö, das wollen wir alles von Apple.

Vorbild Apple Watch

Wenn Apple selbst kein Auto bauen will, sonder nur eine „autonome Plattform“, wie komme ich dann in all die Vorzüge eines Apple Car? Die Antwort ist “Partnering” – Apple wird mit einem etablierten Autohersteller zusammen arbeiten. Wer dabei Schweißperlen auf der Stirn bekommt und an die Lizenzierung von Mac OS zwischen 1995 bis Mitte 1997 oder an das Motorola Rokr mit iTunes denkt, sei beruhigt. Diese Form des Partnerings wird ähnlicher wie die Apple Watch Partnerschaft mit Hermès und Nike ablaufen.

Wo Hermès und Nike lediglich Armbänder und individuelle Zifferblätter an eine von Apple hergestellte Smwartwatch schrauben, wird Apple seine Services und das User Interface an das Chassis und Interieur eines etablierten Autoherstellers schrauben. Das Chassis und Interieur den Jony Ive-schen Segen haben müssen, ist selbstredend. Doch welche meiner 10 USPs werden bei so einer Partnerschaft überleben? Ich glaube diese:

Es fehlen diese drei:

Den Vertrieb und das damit verbundene Einkaufserlebnis wird sich kein etablierter Autohersteller vom Brot nehmen lassen. Ob sich so ein Apple Car BMW in einem Apple Retail Store oder Online bestellen lässt und nur die Abholung bei einer BMW-Niederlassung erfolgt? Wir werden es sehen. Beim Exterieur und beim Interieur werden sich die etablierten Autohersteller ebenfalls nicht reinreden lassen. Was bei der Apple Watch Hermès das Armband ist, ist beim Auto das Exterieur und das typische Hermès Zifferblatt ist das Interieur – ohne dort die Oberhand zu haben, wird keine BMW und kein Mercedes seinen Namen hergeben. Beim Umwelt & Recycling dürfte Apple sich auch am liebsten mit jemanden zusammentun, dem diese Dinge am Herzen liegen. Ob jedoch die gleich hohe Messlatte, wie bei der iPhone-Produktion, an einen etablierten Autohersteller gestellt werden kann? Zumindest bei BMW wird diese Antwort für die i3 und i8 positiv zu beantworten sein.

Und wie würden die verbleibenden sieben USPs in einer Partnerschaft zwischen Apple und einem Autohersteller aussehen? Wird diese Partnerschaft in einem Apple Car Rokr enden und Apple am Ende doch ein eigenes Auto entwickeln? Und welcher Autohersteller hat die Größe mit Apple ins Bett zu gehen? Viele Fragen für ein weiteres Posting auf diesem Kanal. Dranbleiben.


11. Oktober 2016

Mârie Adôre

Habe ich eine Herbstdepression? Ist es das Alter? Oder dieser Ello-Post von Shiver Rayfresh [NSFW]? Normalerweise ist mein Musikgeschmack mit Electronic und EDM ziemlich einseitig. Aber vielleicht haben mich die zahlreichen Hossegor-Urlaube und die Wertschätzung für das französische «Savoir Vivre» irgendwie sanfter gemacht.

Auf jeden Fall habe ich für mich die französische Sängerin Mârie Adôre entdeckt und bin total verliebt in ihre Musik. Die ist, nach meiner laienhaften Einschätzung, eine Mischung aus modernen Chanson und French-Pop. Vielleicht sei hier auch eine Warnung angebracht: Einige ihrer Lieder haben echtes Ohrwurmpotential und wer sich nicht unter der Dusche «Soi gentille avec les garçons» intonierenderweise erwischen will, sollte weghören.

Mârie Adôre gibt es erst seit kurzem auf Spotify. Vorher und jetzt noch immer, gab es ihre Songs auf Soundcloud und YouTube. Oh und gerade gesehen – auf iTunes gibt es Sie auch. Also tut der «Mauvaise Fille» mal was Gutes und kauft (nicht streamen!) das Album. Merci à tous.


7. Oktober 2016

Stranger Things

Vor einigen Wochen haben ich auf Netflix die 8-teilige Serie „Stranger Things“ durchgeguckt und muss wirklich sagen, ich bin geflasht.

Das mag zum einen daran liegen, dass die Serie in 1983 spielt, also in meiner Teenager-Zeit. Ohne den ganzen Hitech-Scheiß von heute, ohne das Knall-Bumm heutiger Blockbuster und erzählt in einer Pace, die nicht Post-Production-Computer-Zeit sparen muss.

Vielmehr ist die Serie eine Hommage an Filme der 80-er, wie E.T., Poltergeist, Die Goonies und The Breakfast Club. Und ich fühlte mich auch an Spiele wie Silent Hill und Resident Evil erinnert.

Eine Serie, die mit diesem spartanischen Setting auskommt, lebt von ihren famosen Schauspielerinnen – allen voran die 12-jährige Millie Bobbie Brown, die in Stranger Things “Eleven” spielt sowie den drei jugendlichen Helden Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo und Caleb McLaughlin. In weiteren starken Frauenrollen spielen Winona Ryder und Natalia Dyer.

Zur Handlung möchte ich nicht all zu viel verraten. Nur so viel, dass die drei Freunde Mike, Dustin und Lucas ihren verschwunden Freund Will Byers suchen. Dabei werden sie neben dem Sheriff Jim Hopper, Wills Mutter Joyce und Wills Bruder Jonathan und von der geflohenen Eleven unterstützt, die wegen ihrer telekinetischen und telepathischen Fähigkeiten von ihrem Vater gefangen gehalten und im Auftrag der Regierung erforscht wurde. Fox Mulder und Dana Scully hätten ihren Spaß an dieser Verschwörung. Ähnlich wie in Silent Hill vermischt sich die Realität mit einer dunklen Parallelwelt, die durch Portale beschritten werden kann – leider in beide Richtungen. Schön ist auch zu sehen, dass hier nicht einzelne Protagonisten das Böse bekämpfen sondern dass sich eine Gemeinschaft über drei Generation bildet, die nur zusammen gewinnen kann.

Original Content wie Stranger Things zeigt erneut, wie tot werbeverseuchtes Free-TV ist. Denn es kann nicht mit solchen Unterhaltungsperlen konkurrieren, die ich zu jeder mir beliebigen Zeit auf jedem mir beliebigen Device gucken kann. Und das ist mir jeden Cent wert.


8. September 2016

Apple Watch Edition – Mind the gap (Update)

Als großer Anhänger von weißen iDevices und Cases hatte ich mich während der gestrigen Apple Keynote noch ziemlich doll über die weiße Keramik Apple Watch gefreut. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht:

Auf der Produktseite für die „Apple Watch Edition, Keramikgehäuse, Weiß mit Sportarmband, Wolke“ gibt es widersprüchliche Fotos zu der Stufe:

Dieser Screenshot ist von dem großen Key Visual oben auf der Produktseite gemacht und es ist eine deutliche Stufe zwischen dem Glas des Displays und dem Keramikgehäuse sichtbar. Hier eine Vergrößerung:

Etwas weiter darunter ist ein um 90° gegen den Uhrzeiger gedrehtes Bild, welches keine Stufe zeigt:

Auch hier eine Vergrößerung:

Und ein obligatorisches Wackel-GIF, welches zugegebenermaßen etwas unglücklich ist, da der Blickwinkel auf die Seite der Apple Watch Edition unterschiedlich ist. Trotzdem dürfte da keine Stufe sein:

Zum Vergleich eine schnöde Apple Watch Series 2 im Aluminiumgehäuse, Silber mit dem Sportarmband, Weiß. Hier und bei allen anderen metallischen Apple Watches ist deutlich zu erkennen, das der Übergang zwischen dem Glas und dem Gehäuse bündig ist.

Warum ich da so picky bin? Nun, wir arbeiten für einen Hersteller von Hochleistungskeramik und daher kennen wir die Problematik, dass eine Keramik nach dem Sintern (so nennt man das Brennen im Ofen) schrumpft.

Die Berechnung, wie stark eine Keramik vom gepressten Zustand (Grünling) nach dem Brennen schrumpft, ist eine ganz hohe Kunst. Etwaige Abweichungen müssen bei einem Material, das viermal härter als Stahl ist, aufwendigst weggeschliffen (leppen) werden. Und da Apple bekannt für seine super geringen Maßtoleranzen ist, hat mich genau dieser Aspekt des nahtlosen Übergangs zwischen Glas und Keramikkörper brennend interessiert.

Sollte sich die Stufe bewahrheiten, ist diese neben dem schmerzhaft hohem Preis, ein Show-Stopper für mich. Denn eine rein-weiße Uhr, bei der sich Dreck, Staub und Hautreste in einer Stufe sammeln, ist meh.

Update

Bei AppleInsider gibt es ein Unboxing-Video, das deutlich die Stufe zeigt:


29. August 2016

Apple Event am 7. September (Update)

Nun ist es offiziell. Apple lädt am 7. September 2016 ins Bill Graham Civic Auditorum in San Francisco ein. Das Bokeh-hafte Bildmotiv lässt natürlich die Vorstellung des iPhone 7 (Nummer ohne Gewähr) vermuten. Wahrscheinlich quetscht Apple aber auch noch die Apple Watch 2 sowie neue MacBook Pro rein. Spannend wird die zeitliche Gewichtung zwischen einem mäßig neuem iPhone 7 und der restlichen Hardware. Hoffentlich gibt es ein “One more thing…”.

Update: Laut Mark Gurman – jetzt bei Bloomberg – sind neue Macs für diesen Event nicht eingeplant:

Apple is holding an event on Sept. 7 in San Francisco. The keynote will focus on upgraded versions of the iPhone, a new Apple Watch with GPS tracking and new health features, and an iOS 10 software update for iPhones and iPads, according to people familiar with the matter. The new Macs are currently expected to be announced at a later date, the people said.

Schade, dann wird es wohl nur eine Apple Watch 2.


24. August 2016

Retro-Computer, -Stuff und -Spielkonsolen auf Ebay kaufen

37,5 Meter

Meine Agentur zieren 37,5 Regalmeter Retro-Computer, -Spielkonsolen und -Jugenderinnerungen. Fast alles davon wurde auf Ebay oder seit kurzem bei Ebay-Kleinanzeigen gekauft. Diese Sucht und ein jüngster Artikel, der die diversen Artikelzustandsbeschreibungen von Retro-Dingen in die Umgangssprache übersetzt, haben mich inspiriert meine Erfahrung beim Kauf auf Ebay & Co. zu dokumentieren. Wer weiß, wofür und für wen so was gut ist.

Computer-Klassiker

Vor einigen Jahre war die Ebay-Kategorie Computer-Klassiker noch ein Geheimtipp. Tummelten sich doch da Verkäufer die einen Modemwahlton nachpfeifen konnten und wussten, dass ihre Artikel echte Klassiker waren. Heute ist diese Rubrik eher eine letzte Möglichkeit Elektroschrott noch zu Geld zu machen, bevor er alternativ illegal entsorgt wird. Auch preislich haben sich alle Sofortkaufangebote nach oben entwickelt und die Artikelbeschreibungen sind oft so blumig, dass man professionelle Werbetexter dahinter vermutet.

Echte Schnäppchen findet man heute nur noch da, wo der Verkäufer keine Ahnung hat, dass es diese Klassik-Kategorie gibt oder er keine Ahnung hat, was er da überhaupt für ein Schätzchen verkauft. Einfacher ist es auch in Kategorien, die überhaupt keine Klassiker-Unterkategorien haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Ebay-Verkäufer, die totale Ahnung haben, selbst Sammler sind und dann aber auch marktübliche Höchstpreise auffahren – diese Verkäufer sind aber so rar wie Einhornponies.

Artikelstandort

In Sachen Artikelstandort habe ich mittlerweile die ganze Welt bereist: Ein Apple Pippin aus Japan. Ein Apple Twentieth Anniversary Macintosh aus Frankreich. Ein Oric Atmos und zig andere Retro-PCs aus England. Eine NeXTstation color aus Italien. Eine SGI O2+ aus den USA. Den meisten Trouble in Sachen nicht gelieferte Artikel hatte ich mit Frankreich – wobei ein Verhältnis von 2:1 (2 x blöd, 1 x supie) sicher nicht repräsentativ ist. So habe ich aus Japan auch mal einen während des Transportes beschädigten FM Towns bekommen – war echt blöd verpackt. Und auch ein deutscher Ebayer hat mich um ein Vectrex betrogen (keine Sorge, jetzt habe ich zwei). Die besten Erfahrungen, jenseits von Deutscheland, habe ich mit Italienern und Amerikanern gemacht. Wie gesagt, durch das Unterseekabel gucken kann keiner, aber sich mit einer PayPal-Bezahlung und rechtzeitigen Reklamation absichern.

Noch eine schmerzliche Erfahrung: Der Düsseldorfer Zoll zickt ziemlich bei Artikeln, die aus dem Ausland kommen und kein CE-Zeichen sowie eine deutsche Anleitung haben. Die o.g. SGI O2+ habe ich nur mit einem Rechtsanwalt und unter Einsatz von +1.000,– Euro aus dem Zoll bekommen. Damit bin ich jetzt für die Zukunft gerüstet. Aber ich habe gehört, dass fast alle anderen Zollbehörden deutlich kulanter sind. Oft soll die Deklaration als Elektroschrott wahre Wunder wirken.

Wie neu

Besser als „Wie neu“ ist echt neu. Das Glück hatte ich bei einem Amiga 1200 und einem Amstrad CPC 464 – also echt selten. „Wie neu“ liest man oft, ist aber selten. Selbst Absicherungen wie tierfreier Nichtraucher-Reirnaum sind vor subjektiven Einschätzungen à la „Wie neu“ nicht gefeit. Da fragt man sich, wie es in den Wohnungen solcher Ebay-Verkäufer aussieht. Ich beneide Stefan Vogt, der eine erstaunlich hohe Mint-Quote hat. Ich glaube ich muss ihn mal nach seiner Strategie befragen.

Eine bei mir beliebte Strategie ist die Frankenstein-Strategie. „Einfach“ manche Dinge mehrfach kaufen und dann in das beste Gehäuse die beste Hardware bauen. So habe ich für meine Apple Lisa 2 ein jungfreuliches Gehäuse ersteigert (danke Peter!), ein oranger japanischer Nintendo GameCube hat ein deutsches Innenleben bekommen und für meinen Apple IIe habe ich auch jüngst ein etwas frischeres Gehäuse erworben. Bei meinem Apple IIc hatte ich das Glück, dass der Verkäufer sich mit dem Bleichen von alten Computern auskannte und mir dieses gefühlt gefährliche Unterfangen erspart blieb.

Wunschlisten

Wer jetzt vermutet, nur weil keinen Platz mehr in meinen Regalen habe, dass ich keine Wünsche mehr habe, liegt falsch. Aber bevor vielleicht meine Wünsche erfüllt werden, kann ich vielleicht die von anderen erfüllen. So hätte ich günstig abzugeben:

Bei Interesse einfach melden.

Ich persönlich bin noch auf der Suche nach:

Ojeh, da ist doch eine Menge zusammengekommen. Naja, man muss noch Ziele haben. Wer mir davon etwas anbieten möchte: Bitte ebenfalls melden.


1. August 2016

Deutsche News, auf Englisch

Urlaub bedeutet für mich Strand, Surfen, Sonnenschein und sporadisches Nachgucken, was in der Heimat so los ist. Dieses Jahr waren die letzten zwei Juliwochen daheim sehr ereignisreich und besorgniserregend. Und als wäre die Nachrichtenlage nicht schon schlimm genug, sie wurde durch meine Spiegel Online Besuche sowie die mündlichen Updates meiner Kids, die ihre News aus dubiosesten Quellen wie Facebook, Focus und Sonstwas bestreiten, ins Unerträgliche potenziert. Reißerisch, unwahr, unpräzise und sogar falsch – da wird jede Erholungsbemühung torpediert. Zur Rettung kam Volker Weber mit seinem Posting „Qualitätsjournalismus“.

Darin benannte er zwei Quellen für Qualitätsjournalismus:

Erstere, Die Zeit, ist mir durchaus geläufig und wir sind auch Digitalabonnenten. Für aktuelle Themen hatte ich die Zeit aber nicht auf dem Radar, bis jetzt. Die größte Entdeckung und Überraschung für mich war aber Die Deutsche Welle. Die hatte ich in meinem Hinterstübchen irgendwo als gestrigen Mittelwellensender für Ausgewanderte abgelegt. Mit Volkers Segen und dem Download der App “DW – Breaking World News” musste ich meine Meinung ordentlich revidieren.

Deutsche News, auf Englisch

Fast mein gesamter Internet-Konsum erfolgt auf Englisch – mit Ausnahme von heise.de und golem.de. Alle meine Macs und iOS-Devices laufen auf Englisch. Alle Programme reden mit mir auf Englisch. Da steigt die kognitive Last schnell, wenn man plötzlich nicht-technische Nachrichten auf Deutsch lesen muss. In der DW-App kann ich Englisch als Standardsprache einstellen und fortan hiesige Nachrichten auf Englisch lesen. Ein interessanter Nebeneffekt ist, dass die Nachrichten irgendwie distanzierter, objektiver wirken. Nachrichten aus und über Deutschland auf Deutsch lese ich oft mit der geistigen Stimme eines britischen Schauspielers, der einen Deutschen spielt: Sauerkraut. Stechschritt. Sturmtruppe. Das schauert mich schnell.

Text Only Modus

Viele mobilen News-Websites sehen heute aus wie eine Mischung aus Instagram und Facebook. Getreu dem Motto, der User von heute kann nicht mehr lesen und nur noch auf Bilder tippen. Im Text Only Modus hat die DW-App etwas von Twitter. Knappe, meist einzeilige Headlines und zwei- bis dreizeilige Zusammenfassungen lassen sich leicht überfliegen. Das fehlen von reißerischen und um Aufmerksamkeit kämpfenden Elementen wirkt dabei beruhigend und der Inhalt entscheidet, was ich lesen will. Und auch in einem Artikel werden die Bilder erst nach einem zusätzlichen Tap geladen. Neben Bandbreite schont das auch meine Nerven und ich kann entscheiden, ob ich Bilder von der LKW-Bombe in Kabul sehen möchte.

Hygienische Berichterstattung

Die Nachrichten in der DW-App sind durch die Bank sehr objektiv, informativ und neutral geschrieben – sehr angenehm. Aber auch auf Meinungen muss man nicht verzichten. In der Übersicht sind Meinungsartikel auf einen Blick durch die graue Hinterlegung zu erkennen und auch in der Headline des Einzelartikels steht klipp und klar “Opinion:”. Sehr sauber.

Gute App Experience

Die Experience in der DW-App ist ebenfall ziemlich klasse. Für eine mit öffentlich-rechtlichen Geldern finanzierten App sogar doppelt klasse – ich kenne allerdings auch nur sehr wenige Beispiele aus diesem Sektor. Auf jeden Fall läuft die App extrem flüssig. Ein Swipe nach rechts öffnet die Nachrichtenkategorien und die Animation des Hamburger-Buttons, der zu einem Chevron wird, zeugt von Liebe zum Detail. Swiped man nach Links, sieht man seine Bookmarks. Überhaupt geht das schnelle Bookmarken, wenn man gerade nicht viel Zeit hat, sehr fix: Da die Bookmark-Buttons auf der rechten Seite leicht mit dem Daumen zu ertappen sind. In einem Einzelartikel kann man mit Rechts- und Links-Swipes zwischen den Artikeln wechseln. Einzelne Artikel können schnell und mit einer Headline sowie einer kurzen Zusammenfassung (leider gibt es kein ausgefülltes Subject, wenn man einen Drittanbieter-E-Mail-Client, wie z. B. Dispatch benutzt) via E-Mail geshared werden. Und natürlich gibt es noch alle anderen Möglichkeiten des iOS-Share-Sheets.

Werbefrei

Auch als Werbefuzzi freue ich ich, dass ich in der DW-App nicht mit Werbung belästigt werde. Sicher versteckt ein Safari-Content-Blocker normalerweise den gröbsten Müll. Aber es bleiben halt immer noch Residuen in Form von zu großen Abständen, verwaisten “Advertisement”-Vorkommnissen oder dubiosen Farbflächen sichtbar. Zwar muss ich die DW-App noch etwas länger benutzen, ich könnte mir aber vorstellen für so eine Inhalts- und App-Qualität monatlich zu bezahlen. Und zwar sicher mehr, als Werbekunden bereit wären für mich als Werbeopfer zu bezahlen. Daher Daumen hoch zur Werbefreiheit.

Fazit

Wer nicht den Adrenalinkick von top-aktuellen, schlecht-recherchierten und schweinebauch-mäßigen Nachrichten braucht. Wer Wert auf neutrale Inhalte in appetitlicher Darreichungsform legt, der ist mit der DW-App bestens bedient. Alles mit einem klitzekleinen Sternchen, weil ich halt noch keine Langzeiterfahrung mit der Deutschen Welle als Nachrichtenlieferant und der DW-App habe. Auch habe ich noch keine Erfahrung mit dem Offline-Modus, dem Media Center sowie den von der Deutschen Welle produzierten Videos. Es gibt also noch Spannendes zu entdecken!

Hier gibt es eine kleine Sammlung mit Screenshots aus der DW-App.